Nachruf auf Dietrich Niethammer

Dietrich Niethammer, 1939 in Leipzig geboren, hat in Tübingen, Wien und München Medizin studiert. Drei Jahre lang hat er in La Jolla, Kalifornien, in der biochemischen Forschung gearbeitet. In Ulm hat er sich habilitiert und die ersten allogenen Knochenmarkstransplantationen an Kindern in der Bundesrepublik durchgeführt. 1986-2005 war er Ärztlicher Direktor der Abteilung für Hämatologie und Onkologie an der Kinderklinik der Universität Tübingen, von 1989-2004 Geschäftsführender Direktor der Klinik. Er hatte zahlreiche Ehrenämter. Unter anderem war er viele Jahre lang Vorsitzender des Medizinausschusses der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Dietrich Niethammer ist nicht erst 1984 als Direktor zum Leibniz Kolleg gekommen. Schon 1980 habe ich ihn als Dozent für ein Medizinseminar gewinnen können, das sich die Studierenden des Kollegs gewünscht hatten. Zwei Studienjahre lang hat er mit seinem damaligen Oberarzt Rolf Huenges dieses Seminar mit Begeisterung durchgeführt. Die Studierenden waren sehr beeindruckt. Als das Leibniz Kolleg nach dem Weggang von Herrn Professor Gotthart Wunberg 1983 einen neuen Direktor brauchte, war Dietrich Niethammer zwar vom Kolleg überzeugt und im Prinzip nicht abgeneigt, es durch seine Mitarbeit zu unterstützen, hatte aber allerdings gerade einen Ruf an die Universität Aachen erhalten. Die dortige Universität hatte ein ganz neues Gebäude für die Pädiatrie gebaut und so war die Aufgabe, die Kinder- und Jugendmedizin neu zu organisieren, durchaus reizvoll für ihn. Spontan sagte er mir jedoch zu, das Direktorat des Kollegs zu übernehmen, sollte er nicht nach Aachen gehen. Ein Versprechen, das er dann auch eingehalten hat. 1984 wurde er vom Vorstand der Gesellschaft der Freunde des Leibniz Kollegs zum Direktor bestellt. Obwohl Dietrich Niethammer damals schon die Abteilung für Hämatologie und Onkologie leitete, später Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinderheilkunde und Jugendmedizin wurde und in der Forschung und in vielen Gremien aktiv war, haben wir uns viele Jahre lang jeden Mittwoch getroffen, um alle Fragen des Kollegs zu besprechen. Er hatte in der Tat nur begrenzt Zeit, aber wenn wir bei ihm im Büro saßen, war er ganz da, völlig konzentriert und aufmerksam, so als hätte er sonst keine Aufgaben.

Unvergesslich sind seine Vorträge auf dem Lochen, mit denen wir die Einführungstage ins neue Kollegjahr eröffnet haben. In der Regel sprach er über den Umgang des Arztes mit schwerstkranken und sterbenden Kindern. Wahrheit am Krankenbett, auch bei ganz jungen Patient*innen, war sein Lebensthema. Zwei Stunden waren für den Vortrag und die sich anschließende Diskussion angesetzt. Die Frage- und Diskussionsrunde ging jedoch fast immer die ganzen vier Stunden bis zum Abendessen. Er konnte faszinierend von seinen Erfahrungen als Arzt berichten.

Dietrich Niethammer hat sich für die Studierenden des Kollegs wirklich interessiert und die Jahrgänge mit Engagement und Anteilnahme begleitet. In den ersten beiden Jahren seines Direktorats hat er an den Zulassungskonventen teilgenommen und auch bei Dozententreffen war er dabei. An der Entscheidung für die Vergabe von finanziellen Nachlässen für einzelne Kollegiat*innen war er auch beteiligt. Im Laufe der Jahre haben wir viele schwierige Fragen erörtert, so z.B. ob wir auch HIV-positive Bewerber*innen aufnehmen würden und wie wir das dann den anderen Kursteilnehmer*innen mitteilen könnten. Zum Glück eine Frage, die sich letztlich nicht gestellt hat.

Anfang der 90er Jahre wurde die Notwendigkeit, eine langfristige Finanzierung für das Kolleg zu sichern, immer dringender. Zusammen mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden, Dr. Bernhard Gröning, war er maßgeblich an den Verhandlungen mit dem Land Baden-Württemberg beteiligt, die zur Übergabe der Häuser auf dem Österberg an das Land und unserer 25-jährigen Rentenzahlung führten. In diesen Jahren konnten wir das Programm des Kollegs nachhaltig konsolidieren und den Ruf des Kollegs als eine einzigartige Institution in Deutschland festigen. 1996 hat er das Direktorat des Kollegs an mich übergeben, gleichzeitig wurde er zum Vorsitzenden der Gesellschaft der Freunde des Leibniz Kolleg gewählt.

Als wir die Stiftung Leibniz Kolleg 1994 gegründet haben, wurde er Vorsitzender deren Vorstands. 2016 hat er sich mit Nachdruck für die Reintegration des Kollegs in den Verband der Universität Tübingen, bei Wahrung seiner programmatischen Selbständigkeit, eingesetzt.

Dietrich Niethammer hat mich in den 30 Jahren, in denen wir das Kolleg zusammen geführt haben, immer unterstützt, und wir sind über die gemeinsame Arbeit am und für das Kolleg sehr gute und enge Freunde geworden. Sein Vertrauen, seine Großzügigkeit und Liberalität und seine tiefe Menschlichkeit haben mir erlaubt, das Kolleg auch in seinem Sinne zu führen. Er wird mir immer ein Vorbild sein und ich werde ihn in dankbarer Erinnerung behalten.

Michael Behal, am 2. März 2020